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Naturbeobachtungen für Läufer und Walker

Autor und Copyright: Diplom-Biologe Herbert Steffny
(Sie können gerne hierhin verlinken)

mehr von Herbert Steffny zu Schmetterlingen

Turteltaube - Vogel des Jahres 2020 (27.11.2019, auch im Laufmagazin Spiridon)

Nein! Es handelt sich nicht um diese "fliegenden Ratten" der Innenstadt, die einem vielleicht auf den Nerv gehen oder schon einmal auf die Jacke gekackt haben. Zugegeben, mit diesen kann auch ich mich als Biologe und Naturfotograf auch nicht so recht anfreunden. Die meisten kennen Tauben nur als diese meist lästigen, blöden Vögel auf dem heimischen Münsterplatz. Doch halt! So blöd sind Tauben gar nicht. Verhaltensforscher haben herausgefunden, dass sie trauern, sich am Magnetfeld der Erde orientieren und sogar ein Gemälde von Picasso von einem Monet unterscheiden können. Es geht aber hier nicht um die von der wilden Felsentaube abstammenden und in verschiedensten Formen gezüchteten Rasse- und Brieftauben, sondern um die Turteltaube, die Sie nicht in der Innenstadt als Lästling antreffen werden.

Wir haben in Deutschland neben den Haustauben vier weitere Arten, echte Wildtauben! Die große und häufige Ringeltaube,
die eingewanderte und mittlerweile weit verbreitete Türkentaube, die Hohltaube und unsere kleinste Art, die Turteltaube. Eben diese hat der Naturschutzbund Deutschlands (NABU) und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) zum "Vogel des Jahres 2020" ausgerufen.

Turteltaube Streptopelia turtur - Fotograf: Herbert Steffny
Eine Turtetaube schaut argwöhnich - Schießt der mit Gewehr oder Teleobjektiv?
(Foto, Copyright: www.herbertsteffny.de)



Der Name ist zwar allgemein geläufig, aber die wenigsten haben die eher seltene Turteltaube wirklich gesehen. Ihr deutscher und wissenschaftlicher Name "Streptopelia turtur" geht auf das monotone Dauergegurre zurück und so "turteln" auch Liebespärchen hemmungslos ohne der Taube jemals begegnet zu sein. In der Roten Liste wird sie als "stark gefährdet" eingestuft. Der aktuelle Bestand in Deutschland wird vom NABU auf nur noch 12.500 bis 22.000 Brutpaare beziffert. Das ist nur noch die Hälfte als vor 10 Jahren und nur noch 10 Prozent des Bestandes von 1980! Zum Vergleich: von Ringeltauben gibt es in Deutschland mehrere Million Paare. Selbstverständlich turteln auch Turteltauben und das in einem zärtlich anmutenden Balzritual, wobei der Täuberich seine Angebetete umtänzelt und mit Schnabel und Flügel liebkost. Zwischendurch hebt der Bräutigam zu kleinen Höhenflügen ab, um gleich wieder auf dem Ast neben seiner Liebsten zu landen.
Turteltauben gelten daher auch als "Liebesvogel" und sind meistens monogam. Sie bauen ihre schlichten Nester auf Bäumen und können 20 Jahre alt werden, wenn nichts Schlimmes passiert.

Turteltauben sind als einzige heimische Taubenart echte Zugvögel, also "Langstreckler", die den Winter südlich der Sahara von Ost- bis Westafrika in der Sahelzone verbringen und im Frühjahr wieder zu uns, bevorzugt in lichte Wälder und strukturreiche Kulturlandschaften zurückkehren. Doch sowohl im Überwinterungs-, aber auch im Brutgebiet lauern Gefahren. Bei uns verschwinden durch die Intensivierung der Landschaft mehr und mehr natürliche Wälder, Feldgehölze und Wildkräuter. Den kleinen Vegetariern geht die Nahrung aus, sie finden nicht mehr genügend Körner, Baum- und Kräutersamen, um wie früher zwei bis drei Bruten hochzuziehen. Meist bleibt es nur noch bei einem Gelege mit durchschnittlich zwei Küken im Jahr. Die Brut dauert rund drei Wochen, die Jungen werden nach dem flüggewerden noch eine Weile mit Kropfmilch gefüttert.

Auch auf dem Weg zum und vom afrikanischen Winterquartier ist ihre Existenz bedroht. Bei der Passage werden Turteltauben in den Anrainerstaaten des Mittelmeers Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und Bulgarien und auf den Inseln Zypern und Malta legal bejagt. Und das, obwohl Tauben als Friedenssymbol gelten! Illegale Abschüsse und Netzfänge kommen hinzu, besonders fies sind Leimruten, an denen die Vögel beim Rasten kleben bleiben. Allein die legalen Abschüsse sollen 1,4 Million Individuen betragen. Mancherorts gilt der Vogelabschuss als "Vergnügungssport"! Im Mai 2018 haben alle Mitgliedsstaaten der EU einen Aktionsplan zum Schutz der Europäischen Turteltaube verabschiedet. Trotz dieser und anderer EU-Vogelschutzrichtlinien wird weiterhin dagegen verstoßen. Erste Vertragsverletzungsverfahren gegen Frankreich und Spanien sind zwischenzeitlich schon eingeleitet. Aber es gilt auch bei uns zuhause etwas für den Erhalt der Turteltaube und somit auch zum Schutz naturnaher Lebensräume zu tun. Die EU-Landwirtschaftspolitik muss sich mehr in Richtung ökologischer Feldbewirtschaftung ändern. Chemisch behandeltes Saatgut, Herbizideinsatz, monotone Agrarlandschaft, das Verschwinden von landschaftlichen Kleinstrukturen wie Hecken, Feldgehölze und Säume... es sind immer diesselben Ursachen!

Wenn Sie möchten, so unterzeichnen Sie die Petition zum Schutz der Turteltaube des NABU

Taubenfreunde aufgepasst! Alleine auf den Kanarischen Inseln gibt es sieben Taubenarten. Darunter die seltenen Lobeertauben auf La Gomera, La Palma, El Hierro und Teneriffa oder auch die recht häufige sogar siedlungs- und strandnah anzutreffende Palmtaube, ein Nachbar aus dem nahegelegenen Afrika. Wenn es also vielleicht demnächst auf Fuerteventura oder Gran Canaria  eine neue Urlaubsbekanntschaft zu beturteln gibt, dann gurrte in der Nähe nicht die Turtel-, sondern eher die nicht unähnliche Palmtaube ;-))





Sinkflug statt Singflug?
Feldlerche Vogel des Jahres 2019
(28.12.2018)

Feldlerche im Singflug
Die Feldlerche ist ein Charaktervogel der nicht zu intensiv genutzten Feldfluren. Schon im Frühjahr tirilieren die Männchen im Singflug.
(Foto, Copyright: Herbert Steffny)

Als wir früher mit den Eltern im Sommer Wandern gingen, war der tirilierende Dauergesang der Feldlerche ein ständiger Begleiter. Irgendwo da oben über unseren Köpfen, meist schwer zu orten zwitscherte im zeitigen Frühsommer dieser Charaktervogel der offenen Feldfluren. Wer beim Dauerlauf ohne Beschallung per Kopfhörer noch in der Natur die Seele baumeln lassen kann, kennt diesen Singflug der Männchen in Höhen bis zu 150 Metern. Der Schriftsteller Eugen Roth beschrieb es in seinem „Tierleben“ so: „Die Lerche, wenn`s nicht gerade wettert, an ihren bunten Liedern klettert!“ Der wissenschaftliche Name „Alauda arvensis“ kennzeichnet den Himmelssänger als Ackervogel. Acker ist aber nicht gleich Acker, denn auf großflächigen Maiskulturen und Rapsfeldern fehlt der fröhliche Frühlingsbotschafter. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft, Pestizideinsatz, Verschwinden von Brachen, Säumen und Feldgehölzen wird die moderne Agrarlandschaft immer stiller.


Sinkflug statt Singflug? In den letzten Jahrzehnten sind die Bestände der Feldlerche, um rund ein Drittel zurückgegangen. Sie ist seltener geworden, aber noch nicht wirklich selten. Der Naturschutzbund Deutschlands NABU und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern wählten die bekannte Lerche als Vogel des Jahres 2019, um allgemein auf die negativen Folgen der modernen Agrarpolitik hinzuweisen. Gewissermaßen unter der Schirmherrschaft des populären Vogels will man natürlich auch das Schicksal von wesentlich gefährdeteren Arten wie Kiebitz, Rebhuhn oder zahlreichen anderen unscheinbaren Kleintieren verbessern.


Feldlerche am Feldberg
Ein Punker unter den Singvögeln, der sich rasch nach der Schnee- schmelze beeilen muss. 2-3 Bruten stehen pro Jahr auf dem Plan!

(Foto, Copyright: Herbert Steffny).

Die aus Tarngründen als Bodenbrüter schlicht gefärbte Lerche ist beim zweiten Hinsehen ein recht anmutiger Piepmatz, der je nach Stimmungslage wie ein Punker seinen Fiederschopf keck aufstellen kann. Leben und Brüten in der Ackerfurche ist riskant, so dass die Lerche im Frühsommer seine Jungen in Höchstgeschwindigkeit mit Insekten, Spinnen und Würmchen aufzieht. Rund 12 Tage dauert die Brut, in kaum 10 Tagen verlassen die Küken das Nest und sind nach einem Monat bereits selbstständig. Für den Fortbestand der Lerche sind 2 bis 3 Bruten im Jahr notwendig. Das gelingt aber nicht in einer ausgeräumten, monotonen Agrarlandschaft. Es erfordert vielmehr ein kleinräumigeres Mosaik von Feldern, Säumen und Feldgehölzen, nicht zu intensiv genutzten Wiesen und Weiden und etwa 10 Prozent Brachlandanteil, wenn uns der Gesang der Feldlerche noch lange erfreuen soll.







Der Star ist Vogel des Jahres 2018
 
(7.1.2018)

Star Vogel
Der Star braucht Power und mehr Naturschutz. Der NABU wählte
den früher häufigen Piepmatz zum Vogel des Jahres 2018
(Foto, Copyright: Herbert Steffny)

Der bereits 1899 gegründete „Bund für Vogelschutz“, heute besser unter Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) bekannt, erklärte den  schwärzlich metallisch schillernderen Star (Sturnus vulgaris) zum Vogel des Jahres 2018. Der aus dem Lied „Amsel, Drossel, Fink und Star…“ populäre, frühere Allerweltsvogel ist in den letzten Jahren deutlich rarer geworden, so dass er in der Rote Liste 2015 als „gefährdet“ eingestuft wird. Das vornehmlich im Herbst in Schilfgebieten zu beobachtende Naturschauspiel der großartigen  Schwarmflüge zu den Schlafplätzen ist immer seltener zu beobachten. Um rund ein Viertel nahm in den letzten 20 Jahren bei uns der Bestand auf rund 3,5 Million Starenpaare ab. Stellvertretend wählte man den noch häufiger anzutreffenden Baumhöhlenbrüter für viele andere unscheinbarere Arten, die wie der Star durch Agrochemie, Biozide und Intensivierung der Landwirtschaft immer weniger Lebensraum und Nahrung finden.

Die Entfernung von alten Streuobstwiesen, Hecken und Feldsäumen bedeutet  weniger Beeren- und Insektenangebot und zudem Strukturverlust für Nistplätze und Singwarten. Der Star ist nicht überall beliebt, in Weinbau- und Obstgebieten schützt man Beeren und Obst durch Netze und Böller. Auffällig ist sein durch z.B. mit Hundegebell und Handyklingeln angereicherte eigenartig schwätzender Imitationsgesang. Vielleicht hielt sich daher schon Wolfgang Amadeus Mozart den Singvogel als Haustier, der gelehrig seine Kompositionen nachpfiff. Der gesellige Star zieht zunehmend weniger nach Süden und überwintert bei uns v.a. im Südwesten, was auch als Folge der Klimaerwärmung gedeutet werden kann.





Distelfalter - Marathonflieger unter den Schmetterlingen (20.5./5.8.2009)


Distelfalter sind gerne auf Schmetterlings- oder Sommerflieder

Wer zur Zeit als Läufer bei sonnigem Wetter in der Natur unterwegs ist, wird vielleicht grau-braune, hellgefleckte rund fünf Zentimeter spannende Tagfalter bemerken, die in ungestümem Fluge den Weg kreuzen oder zielstrebig schnurstracks an einem, ungeachtet persönlicher Bestzeiten, ziemlich flott vorbeifliegen. Auch die Presse hat derzeit diese Tagfalter bemerkt, denn verschiedene Naturschutzbünde und Organisationen haben darauf aufmerksam gemacht, dass der Distelfalter (Vanessa cardui) momentan zu Million unterwegs sei, ein noch nie dagewesenes Ereignis! ....Gemach! So neu ist diese Invasion der kleinen Flattertiere nun auch wieder nicht, denn diese Schmetterlinge sind den Lepidopterologen (=Schmetterlingskundlern) schon lange als Wanderfalter bekannt, die jahrweise im Mai und Juni in unterschiedlicher Anzahl im Frühjahr aus Südeuropa und Nordafrika zu uns einfliegen.

Im Garten am Sommerflieder anzutreffen

In diesem Jahr ist offenbar mal wieder ein besonders gutes Flugjahr. Zunächst flogen sie im Frühjahr den warmen Flußtäler entlang nordwärts, machten sich aber dann auch in den höheren Lagen wie im Schwarzwald breit. Diese rasanten Flieger pflanzen sich bei uns fort, und erscheinen dann wesentlich häufiger in einer zweiten Generation im Juli. Sie beglücken Gartenbesitzer bis September beispielsweise auf dem (hoffentlich vorhandenen) Sommerflieder (Buddleija davidii). Sie sind verwandt mit den bekannteren Tagfaltern Kleiner Fuchs oder Tagpfauenauge. Dort können die sonst nicht sehr ortstreuen Distelfalter sogar ein paar Tage als Dauergast verweilen. In der offenen Landschaft, wo man sie beim Dauerlauf dann häufig antrifft, saugen sie gerne Nektar an rotem Klee, Wiesenflockenblumen oder auch, wie ihr Name vermuten läßt, an Disteln. Die Raupen leben wenig spezialisiert, wer hätte es gedacht, an Disteln, Brennesseln, aber auch an anderen Futterpflanzen wie Korb- und Kreuzblütlern oder Malvengewächsen.


aus dem 10-bändigen "Lexikon der Biologie", Herder Verlag, für das Herbert Steffny alle Beiträge zu den Schmetterlingen geschrieben hat.


Nektar saugen, hier an Wasserdost - vergleichbar mit den Kohlenhydrat- und Elektrolytgetränken der Marathonläufer.

Ein Vagabund in unserer Fauna

Im Herbst gelingt einem geringen Teil der Population eine Rückwanderung in Richtung südliche Gefilde, die meisten gehen aber hier zugrunde und können dabei im Altweibersommer in Spinnennetzen verenden. Die Lebensdauer im Falterstadium beträgt ohnehin nur einige Wochen. Obwohl man den Distelfalter in jahrweise unterschiedlicher Anzahl immer bei uns antrifft, ist er also keine wirklich einheimische Art, sondern nur ein Gast in der warmen Jahreszeit. Ihr derzeit vermehrtes Auftreten hat nicht unbedingt mit dem Klimawandel zu tun, sondern eher mit der Bevölkerungsentwicklung in ihrer südlichen Heimat. Diese Wanderungen können als evolutionsbiologischer Dauerversuch der Erweiterung des Siedlungsraumes interpretiert werden. In ganz milden Wintern vermag die Schmetterlingsart sogar bei uns zu überwintern. Im Rahmen eines sich vollziehenden Klimawandels könnte dies dem Distelfalter vielleicht mehr und mehr gelingen. Die fast weltweit verbreitete Art ist bei uns aufgrund ihrer Mobilität und der geringen Spezialisierung bei der Auswahl von Nektar- und Raupenfutterpflanzen nicht gefährdet.


Tausende Kilometer mit Fett und Nektar

Was haben diese starken Flieger nun mit uns Ausdauersportlern zu tun? Zunächst legen sie auf ihren Marathonreisen viele, viele Kilometer zurück. Der Weg von Nordafrika oder Italien bis nach Skandinavien beträgt einige tausend Kilometer, den die zierlichen Falter in nur einigen Wochen zurücklegen können. Ihre Energiereserven und der Flüssigkeitshaushalt werden unterwegs immer wieder mit Nektar aufgefrischt, ähnlich wie ein Marathonläufer sich im Rennen mit süßen Elektroytgetränken versorgt. Entscheidend ist aber bei den kleinen Kerlchen, wie beim Marathonläufer, der Fettstoffwechsel, denn dieser ist die eigentliche Hauptspritquelle für diese außerordentliche Leistung. Im sogenannten Fettkörper im Hinterleib speichern Schmetterlinge den Vorrat für diese Fähigkeiten im Bereich der Langzeitausdauer. Fett, bei beleibten Menschen weniger beliebt, ist in der Natur aber eigentlich eine geniale, superleichte Spritquelle. Ein Gramm reines Fett beinhaltet 9,3 Kilokalorien, das ist viel, denn ein Gramm Kohlenhydrat oder Eiweiß speichert nur 4 Kilokalorien. Kohlenhydratspeicher sind also eigentlich relativ schwer, man müßte für den gleichen Energievorrat eine über doppelt soviel wiegende Menge davon mitnehmen. Dazu käme noch darin gebundenes Wasser. Wer vor dem Marathon in den letzten Tagen beim "Carboloading" die Glykogenspeicher der Muskeln auffüllt, wird auf der Waage auch eine deutliche Zunahme, vielleicht um 1,5 Kilogramm feststellen. Wanderfalter und Zugvögel können sich als Flieger unnötiges Übergewicht aber nicht leisten und speichern daher die Energie viel konzentrierter im leichten Fettgewebe ab. Pflanzen, die bekanntlich weder laufen noch fliegen, können ihre Energiereserven auch als schwere Kohlenhydrate abspeichern. Ein Beispiel ist die imBoden ruhende Kartoffel und die in ihr enthaltene Stärke. Beim Menschen ist Fett neben seiner Eignung als "Dauerkraftstoff" eher die Reserve für Hungersnöte. Das war in früheren Zeiten überlebensnotwendig, in der heutigen Wohlstandgesellschaft nennt man Fett eher "Problemzone".

Dieselbenzin und Superkraftstoff

Für Marathonläufer ist ein gut trainierter Fettstoffwechsel der Garant, dass man im Marathon oder noch mehr im 100 Kilometerlauf überhaupt ankommt oder eine neue Bestzeit feiern kann. (Näheres zum Fett- und Energiestoffwechsel und Marathontraining hier). Die Kohlenhydratspeicher (Glykogenvorräte) beim Menschen sind durch Training zwar vergrößerbar, werden aber nicht beliebig groß. Sie reichen nicht für einen Marathon, während man vom Fett genug für eine ganze Reihe von Marathons um die Hüften trägt. Vorteil der Glykogenspeicher: man kann damit etwas schneller als auf Fetten laufen, sie sind sauerstoffeffizienter. Daher nenne ich die Kohlenhydratspeicher auch das "Superbenzin" und die Fette den "Dieselkraftstoff" unseres Körpers.


Auch Reptilien wie Blindschleichen wärmen sich für ihr optimales Leistungsvermögen erst mal in der Sonne auf. Auf Straßen kann das aber fatal enden. (Foto: Herbert Steffny)

Aufwärmen für bessere Leistung

Nicht selten sonnen sich die hübschen Distelfalter mit weit ausgebreiteten Flügeln auf Mauern oder großen Steinplatten, um für ihre wilde Flugaktivität Wärme zu tanken. Insekten haben als wechselwarme Tiere anders als Vögel, Säugetiere und Menschen keine konstante Körpertemperatur. Sie sind also morgens noch ein wenig klamm. Insbesondere am Vormittag suchen daher viele Falter Sonnenstellen, um sich dort sitzend aufzuheizen. Das machen übrigens auch Reptilien wie Eidechsen und Schlangen. Innerhalb physiologischer Grenzen fliegt (und läuft!) es sich aufgewärmt eben besser. Bei uns Läufern haben die Wadenmuskeln vor allem in der kalten Jahreszeit keineswegs die Körperkerntemperatur von 37 Grad Celsius, sondern vielleicht sechs Grad weniger. Da jedes Grad Temperaturerhöhung bis etwa 38,5 Grad eine Leistungsverbesserung der Muskulatur um rund 13 Prozent ermöglicht, lohnt sich sorgfältiges "warm"laufen vor einem Wettkampf oder einer Tempoeinheit nicht nur zur Verletzungsprävention.



Argus- oder Geißklee-Bläuling - Schmetterling des Jahres 2008 (26.12.2007)


Männchen des Argus Bläulings
beim Nektar saugen.

Das Insekt des Jahres 2008 ist bereits ein Schmetterling, was mich als früheren Schmetterlingsforscher an der Universität Freiburg freut. Nun wurde von der Naturschutzstiftung des BUND NRW und der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen der Schmetterling für das kommende Jahr gekürt. Man wählte den Argus-Bläuling wissenschaftlich: Plebeius argus genannt. Bläulinge heißen erwartungsgemäß so, weil viele Arten dieser Schmetterlingsfamilie auf der Oberseite der Flügel zumindest im männlichen Geschlecht blau gefärbt sind. Der Argus-Bläuling hat eine biologisch interessante Lebensweise, v.a. im Raupenstadium. Der in Südeuropa weiter verbreitete Falter, der bei uns recht selten in ein oder in Süddeutschland auch zwei Generationen im Mai bis Juni und nochmal im Hochsommer auf klimatisch begünstigten Halbtrocken- bis Trockenrasen, aber auch in Moorgebieten fliegt, ist geschlechtsspezifisch unterschiedlich gefärbt. Während die Männchen auffälliger dunkelblau sind, haben die Weibchen mehr tarnfarbene dunkelbraune Flügeloberseiten. Auf der Unterseite haben beide Geschlechter ein markantes Fleckenmuster und einige dunkel metallisch blau glänzende Punkte. Die Falter bevorzugen bei mir in Südbaden als Nektarpflanze Oregano, Hornklee und Goldrute.

Zuckerwasser im Tausch gegen Schutz

Spannender ist die Lebensweise der Raupen, die nicht wie normale Raupen nur an Pflanzen (überwiegend an Schmetterlingsblütlern) fressen, sondern im ausgewachsenen Stadium sich in Ameisennestern verpuppen. Sie bilden dabei eine Symbiosen mit bestimmten Ameisenarten zum wechselseitigen Nutzen. Die Ameisen sind sogar begierig auf diesen Gast und schleppen ihn in den Bau, um sich an einem von der Raupe sezernierten süßen Sekret zu laben. Der Falter kann sich unterirdisch im Ameisennest so besser vor Feinden wie Spinnen und anderen räuberischen Insekten geschützt und in Ruhe entwickeln. Für das Überleben dieser Art müssen also mehrere Faktoren zusammen kommen. Halbtrockenrasen sind ohnehin immer seltener werdende Landschaftselemente, die der Aufforstung, Umwandlung zu Wiesen oder als Bauland zum Opfer fallen. Weiterhin müssen neben den Nektar- und Raupenfutterpflanzen auch noch ganz bestimmte Ameisenarten im Biotop vorhanden sein. Häufig verschwinden Schmetterlingsarten mit solch komplexen Biotopansprüchen aus unserer Heimat, weil vielleicht nur ein Glied in der Kette fehlt. Allerweltsarten haben das Problem nicht, weil sie entweder gute Flieger sind und ausweichen oder einfachere Ansprüche haben. Das bekannte Tagpfauenauge beispielsweise frißt an Brennesseln und daran ist in der überdüngten Kulturlandschaft kein Mangel. Ein wirksamer und sinnvoller Artenschutz muss also auch immer ein Biotopschutz und eine Erhaltung komplexer Landsschaftsstrukturen sein. In einer Monokultur überleben nur noch diese Allerweltsarten oder angepasste Schädlinge...





 

Schmetterling "Krainer Widderchen" - Insekt des Jahres 2008 (29.11.2007)

Das Esparsetten Widderchen hat
eine Spannweite von rund vier
Zentimetern, gelblich eingefasste
rote Flecken auf dem Vorderflügel
und eine "rote Banderole" um den
Hinterleib.

Violette oder blaufarbene Blüten wie Flockenblumen und Skabiosen
dienen den Widderchen als
Nektarpflanze, dienen aber auch
Rendezvouz-Platz zur Partnerfindung.
(Foto: Herbert Steffny)

Läufer verbringen viel Zeit in der Natur. Da schaut man schon mal genauer, was da links und rechts am Wegesrand kreucht und fleucht. Ich selbst habe früher als Biologe Naturschutz Gutachten erstellt und an der Universität Freiburg im Zoologischen Institut zur Verhaltensökologie von Tagfaltern und Widderchen geforscht. Wenn Sie Glück haben sehen Sie vielleicht im nächsten Sommer eher in Süddeutschland auf Blüten ein recht auffälliges, sogenanntes "Widderchen".

Rotschwarz-gehörnte Gesellen

Gerade hat das Berliner "Kuratorium Insekt des Jahres" ausgerechnet einen mir sehr vertrauten attraktiven Schmetterling, eben ein Widderchen, das auch Blutströpfchen genannt wird, zum Insekt des Jahres 2008 gewählt. Das bedrohte Krainer- oder Esparsetten-Widderchen ist ein wärmeliebender, eher seltener Bewohner von Halbtrocken- oder Trockenrasen auf Kalkböden, wo die Futterpflanze der Raupe, die Esparsette und auch der Hornklee wächst, und wo darüber hinaus auch ein genügendes Angebot von Wiesenflockenblumen, Skabiosen und anderen meist violetten oder blauen Blüten vorkommt. Der wissenschaftlich Zygaena carniolica genannte Falter gehört zur Gruppe der Widderchen oder Blutströpfchen, was auf die widderartigen langen kolbigen Fühlern bzw. auf die blutrot-schwarze Farbe hinweist.

Schlaraffenland: Gruppensex mit Nektar!

Die Falter fliegen von Juni bis August träge in ihrem Lebensraum oder sitzen behäbig auf ihren Nektarpfanzen. Manchmal tummeln sich darauf ganze Gruppen, dabei oft auch in Paarung, denn diese Blüten dienen auch als "Rendezvouz-Platz" zur Partnerfindung. Dabei wird zum Gruppen-Sex munter weiter Nektar gesaugt. Das mutet an wie im Schlaraffenland: Sex und Nektar...! Widderchen können sich diese genüßlich, auffällige und behäbige Lebensweise leisten, denn ihre rot-schwarze Färbung ist eine Warnfarbe. Sie sind nämlich durch ihren Blausäuregehalt für die meisten Feinde giftig. Sich gemeinsam auf den Blüten vergelustierend verstärken sie das Farbsignal sogar noch. Blutströpfchen sind ein klassisches Lehrbuchbeispiel für Mimikry, in diesem Falle als Abschrecktracht. Das auffällige Rot-Schwarz signalisiert dem farbsehenden Fressfeind: Achtung, Gefahr, ich bin giftig! So wie die gelb-schwarze Färbung bei Wespen signalisiert: Vorsicht, ich kann schmerzhaft stechen! Fütterungsversuche an Meisen zeigten, dass diese die Widderchen angewidert ausspuckten. Die markante rot -schwarze Farbe prägt sich schnell ein und in Zukunft werden solche Tierchen mit Ekelgeschmack gemieden. Doch ganz ohne Risiko ist das Schlaraffenleben der Widderchen auch nicht, denn auf bzw. unter den Blüten lauern immer wieder Krabbenspinnen, die die zoologischen Lehrbücher wohl nicht gelesen haben, denn diese Spinnen überwältigen auch Blutströpfchen.

Mit den Lebensräumen sterben die Falter

Das Kuratorium Insekt des Jahres hat das besonders prächtige Esparsetten-Widderchen, das man an der "roten Banderole" um den Hinterleib und den gelblich gesäumten roten Flecken auf den Vorderflügeln leicht erkennt, stellvertretend für rund ein Dutzend verwandter und ähnlich aussehender Blutströpfchen ausgewählt. Sie werden wegen des Verschwindens ihrer Lebensräume immer seltener und sind in Deutschland teilweise sogar schon ausgestorben. Die Gründe sind zumeist die Intensivierung der Landwirtschaft - durch Düngung verschwinden mit der Pflanzenvielfalt eben auch die Schmetterlinge. Die Lebensräume Magerrasen und Ödländereien, die Lebensräume der Widderchen, sind zudem durch Verbauung und Aufforstung im Rückgang begriffen. Wer also Schmetterlinge retten will, muss ihre Lebensräume und die Vielfalt der Landschaft bewahren.
 






Der Begriff "Kleinod" ist das schönste bedrohte Wort der deutschen Sprache.... "Das Wort steht für ein auf den ersten Blick unscheinbares Ding, das jedoch einen hohen persönlichen Wert haben kann" so Bodo Mrozek, Initiator einer bundesweiten Jury für den gefährdeten Wortschatz. Da hätte ich eine kleinodige Idee für Ihren nächsten Dauerlauf in der Natur:
.

Landkärtchen Frühjahsform Araschnia levana levana - Foto, Copyright: www.herbertsteffny.de

Landkärtchen (Araschnia levana) Die mehr braun gezeichnete Frühjahrsform fliegt im Mai/Juni
(Foto, Copyright: Herbert Steffny)

"Fliegende Kleinodien" sind beispielsweise Schmetterlinge, so wie der Landkärtchenfalter, der zum Falter des Jahres 2007 gewählt wurde. Er hat seinen Namen von einer landkartenartigen Zeichnung auf den Flügeln. Die braun gefärbte Frühlingsgeneration fliegt zur Zeit im Mai und Juni. Die im Juli bis Mitte August erscheinende Sommergeneration ist dagegen nahezu schwarz mit weißer Zeichnung. Für dieses Phänomen der unterschiedlichen saisonalen Färbung (Saisondimorphismus), ist das Landkärtchen das klassische Lehrbuchbeispiel. Die Ausprägung der unterschiedlichen Formen wird photoperiodisch über die Tages- und Nachtlänge gesteuert. Den Falter trifft man in Gehölznähe, auf Waldwegen und Lichtungen an Hochstauden wie Wasserdost, Gemeiner Distel, aber auch auffällig oft an weißen Blüten wie Wiesen-Bärenklau, Schafgarbe oder auch auf Zwerg-Holunder. Nicht selten findet man das Landkärtchen am Boden sitzend, wo es an feuchten Erdstellen leckt. Die Raupen fressen an Brennnesseln. Warum ich das auf meinem Online-Forum für Läufer schreibe? Nun als Zoologe, der seine Diplomarbeit über Schmetterlinge geschrieben hat, ist das natürlich naheliegend. Und ich wünsche Ihnen als Naturfreund(in) bei Ihrem nächsten sonnigen Dauerlauf in der herrlichen freien Natur, dass Sie vielleicht auch mal einen Landkärtchenfalter auf einer Waldlichtung oder Wiese beobachten. Es sind oft die kleinen (auf den ersten Blick unscheinbaren) Glückserlebnisse, die den Tag schön machen. Ob dieses fliegende Kleinod Ihnen allerdings, wie der Name Landkärtchen verheißt, weiterhelfen kann, wenn Sie sich verlaufen haben?

Hier eine weitere bedrohte Tierart: Der Edel-Hase oder "Pacemaker"
.

Landkärtchen Sommerform, Araschnia levana prorsa - Foto, Copyright: www.herbertsteffny.de

Die schwärzliche Sommer-Form können Sie von Juli bis August in Wäldern und Parks antreffen.
(Foto, Copyright: Herbert Steffny)

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